Nasreddin Hodja und die Doppelmoral

15. Februar 2006 | Von | Kategorie: Feuilleton | Keine Kommentare |

Spiegel Online berichtet, dass Jyllands-Posten vor drei Jahren die Veröffentlichung von Jesus-Karikaturen mit folgender Begründung abgelehnt habe: „Ich glaube nicht, dass die Zeichnungen den Lesern von ‚Jyllands-Posten‘ gefallen werden. Ich denke, sie werden für einen Aufschrei sorgen. Darum werde ich sie nicht verwenden.“

Als ich die Meldung las, fiel mir prompt Nasreddin Hodja ein, der ein frommer Lehrer und Schelm war und im 13. Jhd. in Eskişehir (Anatolien) lebte. Ihm wurden zahllose Anekdoten zugeschrieben, in denen er mit Witz und Hintersinn den Alltag meistert:

Eines Tages regnet es heftig und Nasreddin Hodja schaut aus dem Fenster seines Hauses und sieht seinen Nachbarn hastig vorbeirennen. Da ruft der Hodja dem Nachbarn hinterher und möchte wissen, wieso er es denn so eilig habe. Der Nachbar entgegnet, dass er sich wegen dem Regen beeile, da er nicht nass werden wolle. Empört faucht unser Nasreddin Hodja den Nachbarn an und fragt, ob er sich denn nicht schäme, vor den Gaben Gottes davonzurennen. Darauf kann der Nachbar nichts entgegnen und verlangsamt seinen Gang verlegen und geht unter strömendem Regen nach Hause.

Ein Paar Tage später schaut nun der Nachbar aus dem Fenster und möchte nun von Hodja wissen, der eilig dem Regen davonläuft, wieso er denn renne. Schließlich dürfe man vor den Gaben Gottes doch nicht wegrennen. Der Hodja schäumt vor Wut und entgegnet, dass er nicht davonrenne. Er beeile sich nur, um nicht auf der Gottesgabe rumzutrampeln.

Ekrem Senol – Köln, 15.02.2006

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