Ich will, dass ein Ruck durch Deutschland geht
15. November 2008 | Von E. S. | Kategorie: Gesellschaft, Leitartikel | 15 Kommentare | Artikel versendenIn wenigen Stunden soll mit Cem Özdemir erstmals in der Geschichte Deutschlands ein Politiker mit Migrationshintergrund zum Partei-Chef gewählt werden. Dabei ist Cem Özdemir mehr als nur jemand mit Migrationshintergrund; er ist türkischstämmig und Gastarbeiterkind zugleich. Er steht stellvertretend für Millionen andere, die angeblich keine Chance bekommen und benachteiligt werden.

Ario Ebrahimpour Mirzaie
Seit dem Auftakt des Grünen-Parteitages schaue ich mich immer und immer wieder um im Saal. Mich lässt das Gefühl nicht los, dass irgendetwas fehlt. Ich habe, wären nicht meine Gesprächspartner hier und da, nicht das Gefühl, als würde heute Migrationsgeschichte geschrieben. Ich suche nach etwas, was der Bedeutung dieses Tages gerecht werden könnte.
Dann betritt Tarek Al-Wazir den Rednerpult. In diesem Momment bemerke ich nicht einmal eine handvoll Grüne, die aussehen, als könnten sie türkischstämmig sein. Ich schaue mich um, suche nach weiteren. Mir wird klar, was fehlt. Bis auf einige wenige Journalisten türkischer Zeitungen sehe ich sonst niemanden, der nach Migrationshintergrund aussieht.
Kein Migrant scheint sich die Mühe gemacht zu haben, diesen Tag live zu erleben. Fernsehbilder aus dem US-Wahlkampf schießen mir in den Kopf. Ich sehe weinende, klatschende, jubelnde und kreichende Menschen voller Emotionen. Nicht, dass ich solche Erwartungen gehabt hätte, aber nichts von alledem ist hier auch nur ansatzweise zu sehen. Ganz im Gegenteil: Migranten glänzen eher mit Abwesenheit.
Dabei muss man nicht einmal Grünen-Mitglied sein, um Cem Özdemirs Wahl live mitzuerleben, mitzuklatschen. Eine Anmeldung hätte ausgereicht, das Signal live zu empfangen, dass mit der Wahl Cem Özdemirs ausgesendet wird. Ein Signal², im Vergleich zu allen Integrations- und Islamgipfeln zusammen. Ein Signal, dass längst überfällig ist und Deutschland dringend braucht.
Die Forderung der Migranten nach mehr Mitwirkungs- und Mitgestaltungsrechten spiegelt sich an diesem Tag nicht in Anwesenheit wieder. Einer Mitgliedschaft in einer Partei steht der Migrationshintergrund nicht entgegen. Zweitrangig ist, ob man sich für die Grünen, Linken, SPD, FDP, CDU oder CSU entscheidet. Wichtig ist vor allem Engangement, Interesse an Themen, die uns alle betreffen und der Wille, Probleme anzupacken.
Bleibt zu hoffen, dass nach der Wahl Cem Özdemirs ein Ruck durch Deutschlands Migranten geht und getreu dem türkischen Sprichwort, dass aus der Gemeinschaft Kraft wächst, jeder seinen ganz persönlichen Beitrag in die Gemeinschaft mit einfließen lässt.
Die Grünen sowie Herr Özdemir werden ihre Aufgabe in wenigen Stunden erfüllt haben. Migranten nicht.
Wie es der Zufall will, unterbreche ich meine Arbeit an diesem Artikel kurz um Ario Ebrahimpour Mirzaie zuzuhören, der eine emotionale Rede über Integration hält:
Ich will, dass ein Ruck durch Deutschland geht. Ich will dass Migranten aufstehen und sagen, wir wollen die gleichen Rechte. Und wenn wir es nicht bekommen, werdet ihr euer blaues Wunder erleben.
Einen besseren Abschluss, hätte dieser Artikel nicht haben können.









Seit jahrzenhnten kämpfen deutsche Parteien gegen die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung. Hauptgrund dafür ist m.E. der Vertrauensschwund. Nicht eingehaltene Wahlversprechen, Fehler in der Politik sind nur einige Beispiele, die letztendlich zu desinteresse führen.
Bei den Jugendlichen scheint die Politikverdorssenheit besonders stark ausgeprägt zu sein. Laut der Shell-Studie nimmt das Interesse auch immer weiter ab. In der Diskussion darüber, wie diese Entwicklung den zu deuten ist, wird u.a. das fehlende politische Mitsprachrecht von Jugendlichen unter 18 Jahren als Grund für das fehelnde Interesse vorgebracht.
Wenn man diesen Gedanken nun auf die Migranten überträgt, dürfte es uns nicht schwer fallen nachzuvollziehen, warum (noch) keinen Ruck durch Deutschland geht und Migranten mit Abwesenheit auffallen. Man gibt ihnen das Gefühl nicht dazu zu gehören. Sie können noch nicht einmal an den kommunalen Entscheidungen mitwirken. Schlimmer ist jedoch, dass sie nicht einmal bei Fragen, die sie selber betreffen, gehört werden. Vertrauensverlust und Ablehnung der Parteien sind die Folge.
Ob die Grünen mit Cem Özdemir diesen Teufelskreis brechen können, wird sich erst bei dem nächsten Parteitag erkennbar machen. Ich jedenfalls habe Hoffnung und denke über einen Beitritt nach.
Das “angeblich” möchte ich mal ganz dick unterstreichen, denn die allermeisten Ausländer und Inländer ausländischer Herkunft haben sich durchaus hochgearbeitet. Und das Bild vom permanent diskriminierten, chancenlosen und ohne staatliche Rund-um-Betreuung völlig hilflosen Migrationshintergründler haben doch gerade die Grünen ganz wesentlich geprägt und propagiert.
Positiv gesehen könnte das bedeuten, daß es halt einfach nicht die Grünen sind, die die Interessen der Immigranten vertreten; denn nur, weil jemand Özdemir heißt, ist er noch lange nicht das Sprachrohr all jener, die einen ähnlichen ethnischen Stammbaum besitzen. Negativ gesehen könnte es aber auch ein Hinweis darauf sein, daß es in dieser Gruppe keine überdurchschnittlich ausgeprägte Leidenschaft dafür gibt, sich staatspolitisch zu engagieren. Was aber auch kein Wunder ist, solange man sich mit diesem Staat gar nicht erst identifiziert.
@thomas
Liest doch ausführlich mal den Beitrag von Ekrem über den “Integrationsgipfel”,
“Der Fortschrittsbericht zum nationalen Integrationsplan – eine Farce “:
http://www.jurblog.de/2008/11/13/der-fortschrittsbericht-zum-nationalen-integrationsplan-eine-farce/
Dann wissen Sie, dass die Deutsche Seite gar nicht gewillt ist, dass sich der Ausländer aus einem Drittstaat oder der Türkei anpassen, soll, wenn er nach mehreren Jahrzehnten des Aufenthalts ib Deutschland, plötzlich aufenthaltsrechtlich völlig da steht, staatenlos, abgeschoben oder neuerdings gar für fünf eingesperrst werden kann (Siehe die §§ 12, 25 und 42 StAG i.V.m. §§ 38 und 51 AufenthaltsG).
So gesehen kann mit recht behaupten, dass man auch keine NPD, DVU oder die REP´s in dem Bundestag braucht
Sehr schön geschrieben Herr Senol, Sie spiegeln mit ihrem Text meine inneren Gefühle und Gedanken wider. Ich wünschte die Migranten würden endlich ein Zeichen setzen.
@ Adriano:
Danke, Danke, Danke! Freut mich.
Hey Leute,
ihr dürft auch gerne mal meinen Blog ordnungspolitiker.de besuchen!
Liebe Grüße, der Ario
@ Ario:
gefällt mir gut, Dein Blog!
Danke! Finde deinen Blog super. Wusste gar nicht, dass du aus Köln bist. Ich bin auch gebürtiger Kölner!
Super Typ dieser Ario, ich mag den irgendwie…
also politisch ^^
cooles blog.
Yes we Cem!
Sehr schöner Beitrag über die Chancen von Migranten kann man jetzt auch bei Spiegel lesen.
Ario Ebrahimpour Mirzaie ist cool. Kennst du Ario Ebrahimpour Mirzaie persönlich? Ich hab den mal auf einer Veranstaltung getroffen…
laaaangweilig…nur lob, lob, lob…